Spartathlon 2009 – Teil I

Mein schönstes Ferienerlebnis

Spartathlon 2009 – im Rückblick mein bisher größter sportlicher Erfolg – liegt jetzt auch schon wieder über 2 Wochen hinter mir.
Wie es dazu kam? Nun, ich wollte ja noch etwas berichten.
Vor etwa 1 ½ Jahren kam Holger zum ersten Mal konkret mit diesem Thema an, was mich zu dem Zeitpunkt allerdings völlig kalt ließ. Immerhin hatte ich vernommen, dass eine von mehreren Qualifikationsleistungen ein 100 km-Lauf unter 10Std30 sei.
Das fiel mir dann auch erst am 05.07.2008 wieder ein, als es bei meinem 2. thüringenULTRA überraschend gut lief und ich so auf den letzten 15 km in sengender Hitze noch etwas Motivation brauchte. Ich kam sensationeller Weise mit 10:22:55 sogar noch auf den 3. Platz der Altersklasse! Als Holger 1 ¼ Stunden später kam, überraschte ich ihn mit der Botschaft “ich hätte jetzt auch die Qualifikation für den Spartathlon”. Das war von mir in keinster Weise beabsichtigt, aber ich dachte halt, was man hat, das hat man.
Aber Holger machte ernst und Ende 2008 stand die Entscheidung fest.
Die Umstände wollten es, dass der Berlin-Marathon = die Deutschen Steuerberater-Meisterschaften im Marathon, an denen ich bisher immer teilgenommen hatte, um eine Woche vorverlegt worden war. Sonst hätte meine Priorität Berlin geheißen, wo ich jetzt einer der wenigen Kollegen bin, die 4 von 4 Starts vorweisen können (und die 5. Dt.-StB-Meisterschaft 2010 ist auch schon fest gebucht).
Wir meldeten uns bei Wolfgang O. in Köln-Dünnwald an. Wolfgang ist in der D.U.V. und koordiniert das für die 40 Startplätze, die Deutschland seitens der Spartathlon-Organisation zugeteilt werden.
Es dauerte nicht lange und wir bekamen die Mitteilung über unseren sicheren Startplatz. In einem solchen Moment werde ich dann panisch und deshalb buchte ich sofort meine Flüge bei Germanwings. Im Rahmen der Anmeldung zum Spartathlon war eine Unterbringung bis Dienstag eingeschlossen- da es nach Köln nur montags und mittwochs Flüge von Athen gab, nahm ich halt den Montag. Zack, Reisebestätigung, war das erledigt!
Dachte ich.
Alles zu schnell gelesen. Zum einen muss man bei Germanwings ein Feld ankreuzen, wenn man Gepäck aufgeben möchte, sonst zahlt man 10 statt 5 Euro (am Schalter). Mist, 5 Euro verschenkt. So etwas ärgert mich maßlos. Desweiteren stellte sich bei genauerem Lesen der Ausschreibung heraus, dass am Montagabend in Athen die große Ehrung stattfinden würde. Mist. Ach, was solls, ich schaffe das sowieso nicht und fliege dann Montag heim!
Nachdem ich das einige Nächte überschlafen hatte, dachte ich etwas anders. Dieser Lauf basiert auf historischen Gegebenheiten und im Griechenland der Antike waren die Götter niemals weit. Wenn man jetzt den Göttern zu erkennen gibt, dass man selber am Allerwenigsten mit einem erfolgreichen Abschluss rechnet – na dann sorgen die auch dafür, dass man Sparta auch nicht erreicht.
Als ich dann am Tag vor meinem Geburtstag den Auftrag in Reinfeld in der Tasche hatte, setzte ich ein deutliches Zeichen, dass ich sehr wohl die Absicht hätte nicht als Tourist nach Griechenland zu reisen.
Soweit die Vorgeschichte.
Während Holger sich akribisch auf das Unternehmen vorbereitete und sich alle irgendwo im Netz verfügbaren Informationen und Hinweise auf den Spartathlon anschaute, wollte ich mich nicht unnötig beunruhigen. 246 km – das reichte mir, ich wollte mich mit nichts weiter belasten. Meine einzige Motivation wurde das Lied “Kein zurück” von Wolfsheim, in dem ich alles wiederfand, insbesondere “immer vorwärts Schritt um Schritt, es gibt kein Weg zurück”. Das wollte ich mir in schwierigen Phasen immer wieder einsingen.

Für meine Reise nach Berlin wurde mir dann doch mulmig: Sonntag Marathon, Freitag Spartathlon – vielleicht doch ein bisschen viel des Guten? Ich meinte ja, wenn man für den Spartathlon fit sein will, muss man auch locker 42 km laufen können.
Holger sagte mir vorher, ich dürfe auf keinen Fall schneller als 4 Stunden laufen, Ergebnis ist ja bekannt (4:00:02 h) , fand ich doch recht witzig, wie ich mich an die Vorgabe meines Kapitäns (Vom M&H Rennsteigteam) gehalten hatte.
Am Start war ich noch mit Klaus zusammen. Der fühlte sich aber wohl sehr stark und preschte bald davon und wart von mir nicht mehr gesehen. Auch Wulf, den einzig anderen diesjährigen Mitstreiter von M&H, konnte ich das ganze Rennen nicht entdecken.
Klaus traf ich erst nach dem Ziel vor dem Reichstag, er war bald zurückgefallen, der Überholvorgang war mir gänzlich entgangen (kann man mal sehen).
So, Montag Abend landete ich wieder in Köllen und schon tags drauf rückte Holger an. Er kam am Nachmittag mit der Eisenbahn aus Eisenach und wir ließen den Dienstag in den Lövenicher Stuben (= Grieche) mit einem Griechisch-Schnellkursus ausklingen. Am Mittwoch um 4:28 Uhr fuhr uns die erste S-Bahn zum Flughafen. Wie insgeheim erwartet trafen wir dort auf Wolfgang (s.o.) und dessen Lebensgefährtin, die ebenfalls gemeldet war, aber wegen eines Hundesbisses beim Training laufunfähig war. Wolfgang war schon 2 x in Athen am Start und wollte 2009 endlich einmal ankommen.
Nach unserer Landung auf dem Flughafen Athen konnten wir uns auf seine Ortskenntnisse stützen und erreichten fast problemlos das Hotel London in Glifada, in dem die Akkreditierung von statten ging. Da wir so früh da waren, bekamen Holger und ich nicht nur ein Zweibettzimmer (andere Räume waren für vier Leute aufgebettet worden), sondern auch eins mit Balkon und Blick aufs Meer – ganz toll! Denn nur die Zimmer im obersten Stockwerk gen Süden hatten diesen Blick, die anderen schauten ins Grüne oder nach vorne zur 2x dreispurigen Straße.
Viele der später einrückenden Teilnehmer wurden auf andere Hotels verteilt.
Einige der deutschen Mitläufer waren uns schon persönlich bekannt, von den anderen wusste man die Namen. Z.B. Jens Lukas, er hat den Spartathlon schon 3x gewonnen (und sein Name ist auf einer Säule an der Zielgeraden eingemeißelt).
Die freie Zeit bis zum Start nutzten wir zur Erkundung des Ortes Glifada und für einen Straßenbahnausflug nach Alt-Piräus.
Am Donnerstag mussten dann die Beutel für die Check-Points gepackt werden. Wenn man das wollte. Aber es war ja erforderlich sich z.B. für die Dunkelheit die Stirnlampe und für die Nacht einen Trainingsanzug zu deponieren. Und am Morgen wollte man das wieder loswerden, also musste dann auch ein beschrifteter Beutel bereitliegen. Und der Zieleinlauf sollte schließlich auch in unserem M&H-Nationaltrikot erfolgen (mit entspr. Landes-/Stadtfahne). In dem Moment war ich froh, dass Holger alles so genau geplant hatte. Er wusste genau, wo wir zu welcher Zeit sein würden, wenn wir im Zeitplan lägen. Sollten wir nicht im Zeitplan liegen, würden wir sowieso im Bus (Besenwagen) sitzen. Auch galt es, sich aufzuschreiben, an welchen der 74 CPs man etwas hingelegt hätte. Das war genauso wichtig.
Freitag früh um ¾ Sechs Uhr war unser Zimmer geräumt, die Koffer kamen auf den LKW und wir stiegen mit gemischten Gefühlen in den Bus Richtung Athen. Endlich ging es los!

320 Läufer wurden zur Akropolis gekarrt. Kurz vor 7 Uhr war es noch dunkel und dämmerte. Tags zuvor war uns sogar leichter Regen angekündigt worden, der blieb aus, aber es war bedeckt. Wenige Minuten vor dem Start bemerkte Holger das Fehlen seiner Mütze! Im Bus vergessen – aber die Busse waren fort. Er hatte Glück. Am Parkplatz war schon ein Kiosk geöffnet und für 5 Euro erwarb er eine nagelneue Hellas-Kappe.
Dann gab es keinen Weg mehr zurück. Um 7 Uhr liefen wir zunächst von der Akropolis hinunter und dann durch den morgendlichen Berufsverkehr.

nach 8 Kilometern

Überall war für uns abgesperrt und die Moped- und Autofahrer schauten uns erstaunt zu – bei laufenden Motoren versteht sich.

nach 11 Kilometern

Auf einer mehrspurigen Ausfallstraße wurden wir so langsam in den laufenden Verkehr eingeführt. Dass der Spartathlon jetzt keine landschaftlich schöne Strecke ist, war vorher bekannt.

nach 18 Kilometern

Was solls. Bald war auch die Sonne draußen und brannte uns bei 32° ganz schön auf den Körper.
Nach 40 km merkte man die ersten Gebrauchserscheinungen…

nach 42 Kilometern

(Marathondurchgangszeit war glaub ich so 4:15 ~ 4:20) und ab Kilometer 50 machte sich bei mir total Erschöpfung breit. Immerhin liefen wir jetzt bis km 80 auf einer ruhigen Küstenstraße mit tollen Ausblicken – wobei Küstenstraße natürlich bedeutet: ständiges Auf und Ab.
Die Check-Points lagen so 3 bis 4 km auseinander. Stets schauten wir auf die dort befindliche Tafel, um unser Polster auf den Besenwagen zu ermitteln. Beruhigt hat mich das nie. Eine halbe Stunde ist schnell aufgebraucht, wenn man eine Schwächephase hat. Meine Erschöpfungsphase hatte ich ja noch insoweit im Griff, dass ich weiterlaufen konnte.
Bei Kilometer 80 dann der erste Höhepunkt, vielleicht der Höhepunkt schlechthin: der Kanal von Korinth.

Das Bild hat jeder schon gesehen, jetzt waren wir dort in natura. So schmal er ist, so tief ist er auch. Und schon vorbei.
Wenige Kilometer weiter (um 15 Uhr 52) war die erste große Station “Hellas Can” mit fester Nahrung (Nudeln).

Aber Holger drückte aufs Tempo und ich musste von meinem schattigen Sitzplatz aufstehen. Nach 300 m bemerkte ich das Fehlen meiner Mütze. Verdammt! Ohne Kopfbedeckung wäre das nicht zu schaffen, also “Ehrenrunde” und die Mütze geholt. Dann musste ich in einem Kraftakt wieder zu Holger aufschließen. Der machte zwar langsamer, aber hatte 500 m Vorsprung. Wolfgang war in diesem Abschnitt auch bei uns.
Danach ging es auf kleineren Straßen ins Landesinnere, das Meer würden wir nicht mehr sehen. Vor uns wurde es düster, rechts von uns braute sich ein Gewitter zusammen.
Na ja irgendwie ging es immer weiter, dann gegen Abend kamen mehrere kleine Dörfer, wo die Kinder um Autogramme baten, was Holger und ich auch erfüllten.

Nach Einbruch der Dämmerung ging es in einem langgestreckten Tal immer bergauf, die Besiedlung wurde spärlicher. Das soll ein sehr schöner Streckenabschnitt sein mit vielen Obstbäumen, sagen andere. Das Unwetter, das uns viele Wetterleuchten brachte, hatte sich im Nachbartal breitgemacht. Seit km 110 ging es bei mir auch physisch und damit psychisch ebenfalls wieder bergauf. Als wir beide (Holger 161, Uli 163) mit Bertram (162) zusammen liefen, glaubte ich fest, der Weg wäre eben, aber die beiden behaupteten, er stiege an. Tat er auch, aber ich war durch die Kühle des Abends und der anstehenden Nacht wieder zu Kräften gekommen. Kurz hinter der Halbzeit, Alt-Nemea, km 124, um 22.09 Uhr, lag ein gerade angefahrenes Kätzchen sterbend auf der Straße (eine andere Katze kam hinzu und schaute verstört, was denn da passiert war), auch das konnte mich nicht mehr bremsen (trotzdem natürlich: armes Kätzchen 😦 ). Schließlich kreuzte unser “alter” Weg die Autobahn, die anschließend in einem Tunnel verschwindet. Den gab es vor 2499 Jahren noch nicht, als Pheidippides diese Strecke von Athen nach Sparta lief, um Hilfe im Kampf gegen die Islamische Republik Persien zu organisieren. Deshalb müssen wir im Stockfinsteren einen schmalen, steilen Bergwanderweg hinauf. Zur Orientierung sind ein paar fluoreszierende Lämpchen ausgelegt, aber selbst mit eigener Lichtquelle ist der Weg über Geröll und Steine sehr schwer. Dann habe ich auch noch den Blinden vor mir – ein Japaner, der von einem “Guide” geführt wird. In diesem Moment denke ich noch, muss das sein, aber der blinde Sportskamerad wird Sparta erreichen! Holger ist im Anstieg zurückgefallen, was er aber schon vorher angekündigt hatte. Auf dem Pass pfeift eisiger Wind und es sind mal gerade 4°, hier zu warten wäre tödlich. Runter ist der Weg besser, als ich befürchtet hatte. Im Vorfeld war immer von dem Geröllweg bergab die Rede. Aber dieser Weg war nicht so schmal, wie auf der anderen Seite bergauf und ich hatte Glück: vor mir “lief” jetzt ein Grieche mit einer doppelten Halogenstirnlampe, mein Lämpchen allein war doch grenzwertig.
Auf halbem Weg ins Tal hörte ich Holger vom Pass hinunterschreien, er hätte ihn oder so ähnlich. Da er an einem der vorherigen Check-Points seine Hi-Tech-Lampe vermisst hatte, deutete ich sein Rufen so, dass er die wohl an der Station auf dem Pass deponiert und wiedergefunden hatte.
Später erfuhr ich, er meinte ganz etwas anderes.
Ich hatte meine Lampe auf Intervall umgestellt, so wusste Holger wo ich zu finden war und an der Talstation in Sangas fanden wir wieder zusammen.

Holger bei der Fußpflege

Um etwa 6:30, unmittelbar nach CP 51, meldete sich meine Verdauung und ich nutzte die Leitplanken als vergleichsweise bequemen Sitz für mein großes Geschäft. Das wurde so groß, dass meine nicht geringen Vorräte an Toilettenpapier plus einige Hakle-feucht nicht ausreichten. Aber ich musste weiter. Glücklicherweise kam jetzt CP 52, Nestani. Wieder ein großer CP vor einem Hotel, ich rannte direkt ins WC um mich zu säubern. Ohh, meine Laufhose war arg verschmutzt. Fügung oder weise Vorahnung? Meine für 246 km einzige Ersatzhose hatte ich hier, nach genau 24 Stunden! Ich war glücklich und zufrieden über solch perfekte Planung. Und mit Nestani hat es noch eine Bewandtnis: man hat eine “frische” Qualifikation für einen zukünftigen Spartathlon (man weiß ja nie).

nach 172 Kilometern

172 km in 24 Stunden war besser, als ich auf der flachen Strecke in Hoyerswerda im Mai geschafft hatte. Dass hier von den 319 Startern überhaupt nur noch 153 im Rennen waren, wussten wir nicht. Und eine halbe Stunde nach uns, war dort auch Feierabend, d.h. wir hatten nicht viel Luft, zumal das Waschen, Umziehen und kleine Nahrungsaufnahme auch wieder etliche Minuten gekostet hat.
Weiter. Kurz nachdem wir die leicht abschüssige Dorfstraße zwecks Weiterlaufens in Angriff nahmen, meinte Holger, der schon vorher mit Blasen an den Füßen zu kämpfen hatte, ich solle mal mein Ding machen, er müsste mal sehen, wie das mit seinen Füßen ginge.
Und es fing an zu regnen.

Holger im Regen nach 185 Kilometern

Ich hatte in Nestani mein “Winterkleid” abgelegt, hatte fest mit einem weiteren glutheißen Tag gerechnet. Jetzt wurde es hell und die Sonne blieb über den Regenwolken. Fürs Laufen war das aus meiner Sicht viel besser. Zum Glück hatte mir Holger weit vorher so ein Plastiktüten-Cape geschenkt, das jetzt ideal war: ich brauchte zwar einige Zeit, bis ich Kopf und Arme in den richtigen Löchern hatte, aber dann verschaffte mir dieses leichte Teil genügend Wärme. Ja, nach mehr als 24 Stunden Anstrengung und einem Temperaturrückgang auf vielleicht 15° reicht ein durchnässtes Funktionshemdchen für die nächsten 12 Stunden nicht aus.
Nachdem wir am Freitag etliches an Schweiß und Staub ertragen mussten, bekamen wir jetzt die große Dusche, es regnete mitunter schon sehr stark.
Holger hatte irgendwann noch einmal zu mir aufgeschlossen aber dann riss die Verbindung wieder. Es ist ja nicht so, dass man nach 24, 26 oder 28 Stunden noch rund läuft, man geht und geht, will wieder laufen und wenn es dann für ein oder zwei Kilometer reicht, muss man auch dranbleiben. Man überholte dann etliche Leute vor einem und die sah man (fast) alle bei der nächsten Gehphase wieder (in dieser Phase gehörte hierzu auch Anke Drescher, eine sehr bekannte und erfolgreiche Ultraläuferin). Außerdem hatte ich mittlerweile auch dicke Blasen unter den Füßen und jeder falsche Schritt tat ganz schön weh.
Irgendwann stand endlich das erste aber auch das einzige Mal ein Wegweiser “Sparta”, 55 km mit dem Auto. Für uns dürften es genauso viel gewesen sein. Dann mündete die letzte Nebenstraße wieder in die Europastraße ein, die sich dann nach kurzer Zeit in die Berge schlängelte. Ein Glück wusste ich und ahnte auch nicht, dass wir diesen Moloch von Straße erst in Sparta wieder verlassen würden. Einen Seitenstreifen gab es. Manchmal. Aber da, wo es eng und unübersichtlich war, gab es nichts, da war der Hang die Seitenbefestigung. Und wenn die PKW und LKW hinter der Kurve den Berg hinabgeschossen kamen, musste man halt … improvisieren. Einige Auto- und LKW-Fahrer grüßten vor Hochachtung, was nicht hieß, dass sie rüberfuhren, aber eine kühle Dusche bekamen wir von jedem. Aber das war so was von egal. Seit Nestani wusste ich, dass ich Sparta erreichen würde. Schmerzen hin oder her, es gab kein zurück, was getan ist, ist getan! Ich hatte soviel erreicht und das sollte dann umsonst gewesen sein? Nein! Das gebe ich nicht mehr her – so dachte ich. Ich wollte nur dahin, dass ich den verbleibenden Teil nur mit Gehgeschwindigkeit (5 km/h) innerhalb der Zeit (36 h) bewältigen könnte. Aber irgendwie klappte das nicht, es fehlte immer ein halbe Stunde. Ich rechnete und rechnete. An den Check-Points fragte oder schaute ich nach der Uhrzeit (ich hatte ja nicht mal eine Uhr dabei, war ja nur als Adjutant gestartet), essen wollte man nichts mehr und Wasser oder Cola konnte man auch nicht mehr trinken – ein (alkoholfreies) Bier, das hätte noch mal was bewirkt.
Bei km 206 stand Simone Stegmeier, ein Häufchen Elend, so konnte nicht mehr und wartete auf Versorgung. Nur noch 40 km und dann aufgeben? Muss das furchtbar sein. Ich wollte das nicht und so ging es immer weiter, diese Europastraße durch die Berge, durch fast-nichts nahm kein Ende. Immerhin war die Gegend – zumindest für griechische Verhältnisse, soweit ich das beurteilen kann – recht grün, das gefiel mir einigermaßen (ich persönlich würde ja auch eher einen West-Highland-Way-Lauf in Schottland machen, West-Highland-Way, den bin ich sogar schon einmal gewandert).
Dann die letzten 9,x km: nie wieder zweistellig 🙂 . Ach, was zog sich das hin! Dabei ging es die letzten vielleicht 20 km nur noch leicht bergab. Trotzdem ging ich fast nur noch. Endlich endlich die allerletzte Station vor dem Ziel: CP 74. Hier lag kaum etwas von anderen Läufern, aber es galt ja sich fein zu machen für Sparta, König Leonidas und den Zieleinlauf. Es hatte die letzten Stunden zwar nicht mehr geregnet aber erst hier gab ich meine Tütenwindjacke zum “Recycling” <*brüll>. Und nach endlosen 1,5 km bog ich um die letzte Kurve, das Ziel lag “nur noch” 400 m vor mir.

Da die Strecke frei war – ich wollte ja schon alleine ins Ziel, nicht im Pulk – nahm ich die letzten Kräfte zusammen und lief locker zum Denkmal.

Um 17:51 Uhr Ortszeit war es vollbracht, aber ich kam mir an den Füßen des Sparta-Königs recht hilflos vor. Was sollte man da jetzt noch einmal tun? Füße küssen oder was? Ach so, berühren reicht. Vorher bekam man den Lorbeerkranz aufgesetzt und ein Plexiglas-Spartathlon-Andenken in die Hand gedrückt. Und man trinkt aus einer Schale Wasser aus dem Fluss (”Haben die anderen auch aus dieser Schale getrunken” geht mir dabei durch den Kopf). Nach 2 Sekunden nehmen sie es Dir alles wieder weg und führen Dich ab!

Holger auf den letzten Metern

Holgers Schluck aus der Schale

Auf eine Liege, Blutabnahme, Schuhe und Socken aus – dann waschen und desinfizieren (?) sie Dir die Füße…

anschließend packen sie Dich wieder und setzen Dich in ein Taxi, das Dich ins SpartaInn fährt.
Dort hatte ich mich – trotz Schwindelanwandlungen – kurz geduscht und aufs Bett gelegt,
Mobiltelefon angeschaltet und …: na ja, wenigstens eine Kurzmitteilung
“Ihr seid Spitze”, schrieb mir Gunter R. aus Fröttstädt, der Organisator des thüringenULTRAs (der war ja letztlich Schuld, dass ich jetzt da lag 🙂 ). Also hatte es Holger auch geschafft!
_______________________________________________________________

Glücksgefühle stellten sich bei mir erst einmal (fast 2 Tage lang) gar nicht ein. Ich dachte nur: so ein Schwachsinn, so ein Sch****, die letzten 50 km immer entlang einer stark befahrenen Europastraße. Und vorher auch an soviel Dreck und Schmutz (stinkende Industrieanlagen) vorbei, bin ich denn bescheuert?
Heute sage ich schon wieder: “Bis du irgendwann begreifst, dass nicht jeder Abschied heißt, es gibt auch ein Wiedersehn…. “

Teil 2 folgt.

Mit lieben Grüßen

Ulrich Meininger

PS: Hier noch ein bisschen thüringerisch für Griechen…

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10 Antworten zu Spartathlon 2009 – Teil I

  1. physioterrorist schreibt:

    Respekt!!!!!.
    Oberhammerwahnsinnsleistung und nebenbei ein toller Bericht.
    Das M&H Rennsteig-Team hat einen “neuen” Haus- und Hofberichterstatter…

  2. Elke Ziegler schreibt:

    Mir kamen die Tränen beim Lesen. Ihr seid wirklich “bescheuert”. Doch Hut ab vor so einer Wahnsinnsleistung. Das Bild von Holgers Füßen, o, je, da musste ich schon wieder heulen. Wagt es bitte nicht noch einmal! Nebenbei: Ulrich – ein genialer Berichterstatter!

  3. Hartmut Nizold schreibt:

    ich verneige mich ganz tief vor dieser Wahnsinnsleistung, Glückwunsch

  4. Michael Pflügner schreibt:

    Tautenhain-Berlin/Kudamm sind 238 km – aber dazwischen habt Ihr noch den “Fichtelberg” gehabt – unvorstellbar und nochmals meine Gratulation.
    und ihr habt M&H weltweit bekannt gemacht
    Hofentlich entstehen nicht neue Qualifikationsnormen für M&H – da müßte ich höchstens auf Ski umsteigen!

  5. Jörg Heidermann /Corsa 1 schreibt:

    Auch aus Berlin
    Respekt und herzlichen Glückwunsch
    Freue mich auf Teil 2

  6. Holger Sakuth schreibt:

    Bei dieser Gelegenheit mal meinen / unseren Dank an Uwe L. , dass das M&H Rennsteigteam hier eine kleine Plattform bekommen hat.
    Das “H” von M&H sagt auch DANKE für die Glückwünsche !!!!!

  7. Wulf Messow schreibt:

    Auch von mir nochmal Respekt und Hochachtung vor eurer Leistung. War wieder mal sehr kurzweilig zu lesen und ich bin froh nicht ganz so “bekloppt “zu sein wie ihr.Übrigens Uli, mir wars schon beim Berlin-Marathon zu heiß….

  8. Karin Sperrer schreibt:

    Toller Bericht,ich gratuliere noch einmal ganz herzlich.Für mich war es schwierig meine Eindrücke zu schildern,da ich mich an einige Streckenabschnitte erst so nach und nach wieder erinnere.Unseren “Finnisherkampf” werde ich nicht so schnell vergessen.
    Nach dem Spartathlon wollte ich nur mehr kürzere Strecken laufen.Ich habe mir gedacht,es kann jetzt keine Steigerung mehr geben.Aber es gibt leider jedes Jahr den Spartathlon!
    Liebe Grüße aus Oberösterreich
    Karin

  9. Silke Stutzke schreibt:

    Lieber Uli, lieber Holger,
    jetzt endlich hatte ich Zeit und Ruhe (und das ist etwas was man sich für diese Schilderung nehmen sollte), um den Bericht zu lesen. Tief beeindruckt war ich schon von Eurer Leistung an sich, Es wurde durch das Lesen aber noch verstärkt!
    Lieben Gruß
    Silke

  10. Detlef Loczenski schreibt:

    Mein lieber Uli, von deiner Wahnsinnstat hattest du mir in Berlin nichts erzählt. Na klar, dein Fehlen beim Berlinmarathon hätte ich als Organisator nicht zugelassen! Vielleicht hätten wir für dich die Strecke erleichtert und ein paar Abkürzungen mit der S-Bahn einbauen können Glückwunsch für diese Willensleistung. Es scheint doch immer wieder Lauferlebnisse zu geben, die nicht zu toppen sind.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Detlef

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