Spartathlon 2009 – Teil 2

Von einem, der auszog, seiner Ärztin das Fürchten zu lernen …

Wir sind zurück in Sparta und schreiben Samstag, den 26. September 2009. Zur Erinnerung – daran kann man sich gar nicht oft genug erinnern: um 17 Uhr 51, 16 Uhr 51 deutscher (sprich: Mitteleuropäischer Sommer-) Zeit hatte ich es und um 18 Uhr 45 hatte Holger es geschafft, wir waren in Sparta angekommen!
Vom Hotel aus hatte ich Holger eine SMS geschickt, in welchem Zimmer ich zu finden sei.

Als Holger dann hereingehumpelt war, herrschte in unseren vier Wänden alles andere als Jubelstimmung, eine ganz merkwürdige Atmosphäre. Aber es blieb nicht viel Zeit zum nachdenken. Für 20:30 Uhr war die Ehrung auf dem Spartaer Marktplatz anberaumt. Ich schloss mich Wolfgang & Co. an, der den Weg und auch den weiteren Ablauf ja bereits kannte.

Auf dem Marktplatz waren Stühle aufgebaut, die erfolgreichen Teilnehmer sollten links und rechts der Bühne Platz nehmen. Ich war froh, endlich wieder zu sitzen. Viel von der Bühne konnte man von meinem Platz aus nicht sehen. Immerhin saß der Sieger zwei Plätze neben mir. Sein Adjutant filmte pausenlos jede Bewegung jeglicher Art.

Mittlerweile war Holger nachgekommen und hatte in der hinter mir befindlichen Reihe Platz gefunden. Na ja, es wurde dann vom Mikrofon irgendwas vorgelesen und vorgetragen und dann wurden die Namen aller Finisher durchgesagt. Anja Hoier war dabei und ich hörte unsere Namen, aber einige andere Läufer wurden nicht vernommen. Auch zu diesem Zeitpunkt war mir weder meine Einlaufzeit noch meine Platzierung bekannt, ganz zu schweigen von der Ausfallquote von über 58 % – von den 319 Gestarteten waren nur 132 erfolgreich in Sparta eingetroffen.

die Sieger

Aufgrund zunehmender Unfähigkeit der Erschöpfung und Müdigkeit zu trotzen, verließen wir kurz danach die Zeremonie und begaben uns zur erforderlichen (verdienten) Abend- und Nachtruhe. Als das Feuerwerk losging, waren wir gerade – trotz leerer Mägen einschlafbereit (Das Abendessen im Hotel, laut Plan um 22 Uhr war wohl viel früher gewesen und an uns schon völlig vorbeigegangen; m.E. somit für Spätfinisher wie uns unerreichbar).

Hunger trieb Holger am nächsten Tag schon früh zum Frühstückssaal. Aber es war genug für alle da, als ich etwas später frühstückte.

Als nächster Tagesordnungspunkt stand die Abholung der Beutel an, die von den Unterwegs-Posten nach Sparta verbracht worden waren. Es wusste zwar keiner, wo wir hin mussten aber es reichte immer dorthin zu gehen, von wo die mit den Tüten kamen.

Als wir das Ziel erreicht hatten, sah es aus wie die Spartaer Tafel oder die Kleiderausgabe für Hartz- IV-Empfänger. Das Anstehen war an diesem Morgen nicht gerade angenehm aber nachdem Holger aus einem in der Nähe befindlichen Stützpunkt Kaltgetränke besorgt hatte, ging es schon viel besser.

Leider fand ich von meinen vier Tüten zunächst nur zwei wieder, meine 70er-Jahre Adidas-Trainingsjacke und auch das nagelneue datev-Funktionshemd der 4. Deutschen Steuerberatermeisterschaften (übrigens auch Adidas) schrieb ich schon gedanklich ab, da tauchten meine Sachen in Holgers Tasche wieder auf! Witzig, Zufall? Alles war gut.

Dann musste allgemein noch einmal zum Leonidas-Denkmal gepilgert werden, Motto „am Tag danach“. Lange Schlangen bis man dort für das Erinnerungsfoto drankam. Von dort Blick Richtung Westen sah es aus wie in den Alpen, vielleicht nicht ganz so grün aber mit 2.400m hohen Bergen schon genauso alpin.

Und schon ging es zurück zum Hotel, wieder die Sachen packen und in den Bus laden. Es ging außerhalb Spartas in ein Restaurant zum Mittagessen „mit freundlicher Unterstützung“ der Zielkommune. Kein Anstehen am Buffet diesmal, wir bekamen alles gebracht, wenn es auch immer etwas dauerte – die Wartezeit konnten wir mit unbegrenztem lieblichen griechischen Wein überbrücken.

Dann war ’s das und die Busse fuhren uns zurück gen Athen. Für 7,2 Euro Maut (für Busse und dreiachsige LKW) ging es diesmal durch den Tunnel (und nicht über den Pass). Am Kanal von Korinth machte unser Bus noch schnell ein fünfminütige Pinkelpause.

Schön, sich jetzt noch einmal den Kanal anzuschauen. Und leckere und preiswerte Fleischspieße gab es dort. Auch die längste Fünfminutenpause hat einmal ein Ende und so heckten wir für Glifada den nächsten Coup aus: wenn einer direkt zur Hotelrezeption liefe, der andere sich um die Koffer kümmerte, dann würden wir vielleicht wieder unser Superzimmer bekommen. Gesagt und versucht. Andere (Streber-) Busse hatten wohl gar nicht angehalten oder waren am Kanal nur kurz geblieben, auf jeden Fall stand eine riesige Schlange vor mir. Und vor allen Dingen: auch hinter mir waren vielleicht nur drei, vier Leute und nach 30 – 40 Minuten sah es immer noch genauso aus. Innerlich kochte ich, zumal ich seit geraumer Zeit sehen konnte, wie „effektiv“ an der Rezeption gearbeitet wurde. Als wir nun endlich auch dort ankamen, hieß es „alle Zimmer belegt“ und wir müssten ins Hotel Palmyra (Beach), was ja auch nur „200 m“ an der Straße entlang läge. Ich nahm wütend meinen Koffer und preschte los, sofern man das entlang der Rallye-Strecke überhaupt so sagen kann. Ein durchgehender Bürgersteig ist dort nicht vorhanden, weder auf dem ersten, dem zweiten noch auf dem dritten oder vierten „200m“- Abschnitt zum Palmyra. Bis man dann da den Eingang gefunden hatte. Holger hing noch etwas zurück und bis er eintraf, wusste ich schon, dass wir auch im Palmyra keine Bleibe fänden. Zurück zum Stella (es hieß nicht so, hab’s momentan vergessen oder ich schreibe besser – fällt mir gerade so ein – Hotelnamen aus Jugendschutzgründen geändert), das lag auf halbem Weg zwischen London Hotel und Palmyra, nur dummerweise auf der anderen Straßenseite. Wir meisterten auch das, obwohl ich mittlerweile kurz vor dem Ausbruch war und Holger mich immer mit den Worten „Wir haben es geschafft“ zu beruhigen versuchte.

Das Stella Hotel machte im ersten Moment den Eindruck eines Designerhotels aus den 70 er Jahren, so eine Mischung aus Raumpatrouille und Raumschiff Enterprise. Frühstück oder gar Abendessen wurde dort nicht angeboten (Als Ökonom weiß ich: ohne Nachfrage kein Angebot). Der riesige Spiegel vor unserem französischen Bett war ein nächstes Indiz auf das Publikum, das dort üblicherweise Entspannung sucht. Gut, dass Holger seinen Schlafsack dabei hatte und ich fand versteckt im Schrank auch noch eine Decke, die ich allerdings erst noch beziehen musste.

Gut gelaunt machten wir uns aus unserem heimeligen Zimmer zum Abendessen zurück ins Hotel London. Nach kurzem Anstehen an der Einlasskontrolle bekamen wir den Marschbefehl ins Palmyra, meine Wut war inzwischen Sarkasmus gewichen.

Was ich kaum noch für möglich gehalten hatte, es gab dort noch ein Buffet, an dem wir uns schadlos halten konnten. So war ’s dann doch noch fast ein glücklicher Sonntagsausklang. Den Rückweg zu unserem Edel-Schuppen traten wir durch den Garten des Palmyra an und dort hatte sich eine große deutsche Gruppe angesammelt. Auch wenn die griechischen Bierpreise konfiskatorische Züge annehmen, blieben wir noch zu interessantem Meinungsaustausch. Mit am Tisch u.a. Anke Drescher, Wolfgang O. (logisch) und Jens Lukas (Im Moment ist nicht mehr eindeutig rekonstruierbar, ob er wirklich dabei war) von der „Sieger“-Fraktion sowie Matthias Dippacher (der nimmt uns beim Rennsteig-Supermarathon mal locker 2 Stunden ab) und Jan Otto, der Sieger vom 24-Stundenlauf in Reichenbach, (da hatte er einen Halbmarathon Vorsprung vor mir) beide erreichten das Ziel dieses Jahr nicht. Ich glaube genau in dem Moment kam bei mir zum ersten Mal so etwas wie Stolz auf das Geschaffte zum Vorschein. Als wir später gegen Mitternacht zum Stella kamen, saß eine junge Dame rauchend und telefonierend auf der Treppe, das Zimmermädchen bezog in einem benachbarten Zimmer gerade das Bett neu …
Immerhin konnte ich (ich hoffe Holger auch) einigermaßen gut schlafen – wir hatten ja schließlich auch den Straßenverkehrslärm zu ertragen.

Frühstück am Montag morgen gab zur Abwechslung jetzt im Hotel Emmantina, direkt neben Stella aber … wie soll ich sagen, wohl für längere Aufenthalte gedacht. Ein supertolles Frühstücksbuffet, das wir an unserem weiß gedeckten Tisch einnahmen, stimmte mich wohlgesonnen. Als wir dann bei unser Rückkehr ins Stella dort vor die Tür gesetzt wurden mit dem Ziel Emmantina, war ich wieder mit allem im Reinen und versöhnt. Wir bekamen zwar ein Zimmer direkt an der Rallyestrecke, aber ansonsten war der Raum sehr schön und geräumig für 2 Personen.

Von Athen hatten wir bis dato noch viel gesehen und so war für den Montag eine entsprechende Besichtigung vorgesehen. Vorher schauten wir „kurz“ am direkt hinter der Straßenbahnhaltestelle beginnenden Strand vorbei und fanden wieder eine Schar Landsleute.

Es kam wie es kommen musste, die Fahrt nach Athen schenkten wir uns und taten noch etwas mehr für unsere Bräune. Und ein Bad im Meer – so etwas habe ich seit zehn Jahren nicht mehr genommen!

Am späten Nachmittag bereiteten wir uns auf die abschließende Zeremonie im Hotel Titania im Herzen Athens vor. Streng nach dem Regelwerk hatten wir – in Ermangelung einer landesüblichen Tracht (wäre ich doch mal bloß zu den Blauen Funken von 1870 e.V. gegangen) – Jacket und Binder eingesteckt, eine weitere Demonstration, dass wir nicht an die Unmöglichkeit des Unterfangens „Spartathlon“ geglaubt hatten.

Immer wenn wir – wie jetzt wieder auf dem Weg zum Sammelplatz – humpelnd-rennend die mehrspurige Rennbahn zu überqueren versuchten, dachte ich bei mir: die Autofahrer denken jetzt “beim letzten Mal sind die bestimmt angefahren worden”.

Um 19 Uhr fuhren uns die Busse von Glifada nach Athen, ein klitzekleinwenig von der Stadt sahen wir nun doch noch. Im Obergeschoss des Titania war alles für die Ehrungen bereit. Bis sich die Blockbildung an den Tischen endlich gefunden hatte, verging so seine Zeit. Der Spartathlon-Sieger Ryoichi Sekyia saß an der anderen Seite unseres Tisches – welche Ehre, oder wie André L. maulte: „die haben sich einfach da hingesetzt“.

Bis die 133 erfolgreichen Läufer nun einzeln ihre Urkunde und Medaille überreicht bekamen, dauerte es so seine Zeit – aber schön war das! Sehr schön.

Von einigen Nationen waren Botschaftsangehörige anwesend, die die Auszeichnung vornahmen. Offizielle Deutsche Vertreter wurden nicht gesichtet. Umgekehrt hätte der Schweizer Vertreter unverrichteter Dinge heimkehren müssen, weil die einzige Landsmännin es leider nicht geschafft hatte. Dafür überreichte er dann halt Bertram (unsere # 162 aus Augsburg ) die Glückwünsche. Auch nett.

Nachdem die in landesüblicher oberösterreichischer Tracht erschienene Karin Sperrer, wie ich las, die erste Österreicherin überhaupt, die es geschafft hatte, und der überglücklich wirkende Letzte, ein Grieche, ihre Gaben in Empfang genommen hatten, durften die Raubtiere endlich an die Fleischtöpfe. Überraschend schnell hatte sich das aber dort sortiert und man konnte sich endlich mal wieder (das Mittagessen lag schließlich schon ein paar Stunden zurück) satt essen.

Gerade als sich die meisten fragten [oder heißt es: frugen ?] , ob sie noch ein drittes Mal zum Buffet gehen sollten (bei Uli: zum fünften Mal), kam die Durchsage: „die Busse warten vor dem Hotel und fahren in 10 Minuten ab“.

Mehr oder weniger dann doch halsüberkopf begab man sich auf die Hotelheimreise.

Man hätte jetzt noch einmal in der Halle des London ein paar sündhaft teure mini-Bier verkosten können (unser bevorzugtes Lokal, die benachbarte Tankstelle, war zu dieser Zeit leider schon geschlossen), aber uns zog es zurück ins 4-Sterne-Emmantina. Ich gebe zu, ich war die treibende Kraft und wollte ins Bett. Schließlich galt es am Dienstag auch schon wieder früh aufzustehen, das x-te dafür letzte Mal die Koffer packen und zum Bus.

Alles klappte reibungslos, der Flughafenbus kam „pünktlich“ (an der Haltestelle steht als Abfahrtzeit „alle 10 bis 15 Minuten“ – das ist höchst ehrlich, denn genaue Zeiten lassen sich verkehrsbedingt gar nicht einhalten) und nach einigen Staus kamen wir zum Flughafen, wo es hieß Abschied nehmen, mein erster Griechenlandaufenthalt ging zu Ende – mit einer Medaille um den Hals und stolz geschwellter Brust. Das Flugzeug nach Stuttgart war restlos gefüllt und wir hatten unsere vorbezahlten Plätze in der Notausgangsreihe, mit schöööön viiiiel Platz. Ich fragte mich, ob denn der Flieger tags zuvor nach Köln auch voll besetzt gewesen war (? :-)?)

Ulrich Meininger

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5 Antworten zu Spartathlon 2009 – Teil 2

  1. André Lange schreibt:

    …ein wunderbarer Bericht, der meine noch bevorstehende Verabredung mit dem König unabdingbar macht! Man kann es nicht oft genug sagen:
    Herzlichen Glückwunsch zu Deinem/Eurem Finish! Es war mir eine große Ehre, Dich/Euch kennengelernt zu haben! Bis bald, André

  2. Silke Stutzke schreibt:

    Mir hat ’s ein paar Tränchen in die Augen gedrückt. Danke Uli für den schönen Bericht. Für mich seid ihr beiden große Helden!
    Silke

  3. Hartmut Nizold schreibt:

    Uli, Holger nochmal herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahnsinnssuperleistung. Ich bin beeindruckt und gleichzeitig begeistert,
    Gruß Hartmut

  4. Elke Ziegler schreibt:

    Ach, was haben wir mit Euch gelitten, aber “Ende gut – alles gut”. Holger auch noch auf den letzten 40 Kilometern noch in der Lage zu filmen, jedoch aussehend wie der letzte Russlandheimkehrer – und dann im Ziel wieder mit gesunder Bräune – einfach Spitze!

  5. Ich glaube, den Göttern hat mein Auftreten auch gut gefallen.
    Denn – wo haben diese mich in der ewigen Rangliste aller bisherigen 27 Spartathlon-Austragungen ins Ziel kommen lassen (Dank der DUV-Satistiker gibt es diese Auswertung)?
    Auf dem rheinischen Ehrenplatz, der 1111.
    Schöön.

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