Mach ’s gut, alter Freund

Gestern war einer der schwersten Tage meines Lebens. Mein langjähriger treuer Begleiter, mein Labrador Charly, musste seinen letzten Gang gehen…

Menschen, die keine Hunde haben, werden das nicht nachvollziehen können, aber für mich war er wie ein vollwertiges Familienmitlied.

Unsere nonverbale Kommunikation hat perfekt funktioniert. Ich hab immer gesehen, wenn es dir schlecht ging oder du mal ne Streicheleinheit brauchtest. Du hast dich dafür mit deiner kalten Hundeschnauze oder deiner Schlabberzunge revanchiert. Wir waren wie so ein altes Rentnerpärchen, wo keiner mehr was sage muss. Jeder hat schon im Voraus gewusst, was der Andere gleich macht, tut oder denkt.

Es hatte sich ja schon länger angedeutet, dass der Tag des Abschiednehmens langsam aber unaufhaltsam immer näher rückt. Schon im Februar gab ’s mal ne Krise, bei der ich dachte, jetzt ist es vorbei. Aber mit vereinten Kräften vom Tierarzt und meinen Eltern, die ihn während der Zeit, in der ich auf Arbeit war, stets betreut haben, erholte er sich wieder soweit.

Als kleiner Welpe, du hast komplett auf meinen Unterarm gepasst, bist du Karfreitag 97 in mein Leben geplatzt. Schon beim Fressen mit deinen Geschwistern hab ich dich sofort ins Herz geschlossen. Du bist zwar als letzter da gewesen, dafür hast du dich dann im Napf so dick gemacht, dass kein Anderer mehr ein Krümchen abbekommen hat. Das hat sich dann auch durch dein ganzes Hundeleben hindurch fortgesetzt. Volle Näpfe konntest du einfach nicht leiden. Dein liebster Platz war der unterm Tisch. Mit deinem elendigen Hundeblick hast du einfach jeden rumgekriegt.

Hätten wir uns mal im Wald verloren, ich hätte keine Angst um dich gehabt, du hättest dich schon irgendwie durch gefressen. Wenn ich 10 km gelaufen bin waren ’s bei dir 20. Die „Stöckchen“ konnten nicht groß genug sein. Mit so nem kleinen Zweig hast du dich nicht zufrieden gegeben. Armstark und mindestens 6 m lang, das war dein Ding. Hätte ich einen Ofen gehabt, du hättest ganz allein für ’s Brennholz gesorgt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie du so einen Atzen unbedingt durch einen 60 cm breiten, verbuschten Weg zerren musstest. Ne geschlagene halbe Stunde hat ’s gedauert, bis du die 50 m geschafft hast… und dann warst du Stolz wie Oscar, Schwanz hoch, Brust raus und Ohren hoch und dann hast du das Ding einfach liegen lassen… du blödes, liebes Rindvieh…

Steinchen nach jagen, Zapfen fangen, Bälle zerfetzen, mit dem Scheuerlappen kämpfen oder Herrchen suchen waren deine Lieblingsspiele. Beim Luft raus lassen hast du wahre Meisterschaft erreicht. Spätestens nach einer Minute war das Ding griffig, nicht immer nur zur Freude von meinem Sohn Oscar.

Mit Wespen hatten wir auch kein Problem, die hast du alle weg gefangen. Ich konnt ’s dir einfach nicht abgewöhnen, dafür hast du aber auch reichlich Lehrgeld bezahlt. Du hast halt öfter ne dicke Lippe riskiert…So, wie bei Alfred, einem Stafford aus der Nachbarschaft. Da hast du dir zweimal ne blutige Nase geholt. Kämpfen war nicht so dein Ding, das Einzige, womit du gekämpft hast, war der Schlaf.

Deine große Liebe war Ronja, die gelbe Labrador-Hündin vom Pfarrer. Aber ehe ihr zu Potte gekommen seid war se weg, Südafrika… Blöde Weiber…

Auto fahren war nicht deins. Sah lustig aus, bis ich dich da drin gehabt hab, erst die Vorderachse, dann die Hinterachse… Die Urlaube an Nord- und Ostsee waren für dich dagegen die Schönsten. Möwen jagen, geil… Einmal bist du soweit raus geschwommen, dass ich dich gar nicht mehr gesehen hab. Lenkdrachen jagen, noch geiler… Da hast du mich richtig zum Obst gemacht.

Kind mit Lenkdrachen, Charly weg, Charly hinterm Lenkdrachen her, ich hinter Charly her, Lenkdrachen über Charly weg… Fünf mal hab ich im Dreck gelegen, bis ich dich wieder hatte…

Und nachtragend konntest du sein, du alter Bock. Als wir dich mal nicht in den Urlaub mitnehmen konnten hast du mich nach drei Wochen bei meiner Rückkehr drei Tage lang nicht mit dem Arsch an geguckt.

Die Frauchen sind gekommen und gegangen, die Einen haben dich geliebt, Andere haben dich toleriert, Eine wollte dich sogar los werden, aber du bist geblieben…

Hunde sind manchmal die besseren Menschen…

Du konntest schnarchen, dass man glaubte am Fenster fährt ne russische Diesellok vorbei und du konntest so „herrlich“ machen, dass die Luft stinkt… du geliebte, alte Potte… und du hast überall deine schwarzen Haare verstreut… Ich werd alle Ritzen absuchen, vielleicht find ich irgendwo noch eins…

Wasser hast du in jeglicher Form geliebt, Plantschen in der Hörsel, Wälzen im Schnee, genial…

Spritzen aus den Schlauch, bäh…, das hat dir überhaupt nicht gefallen. Dreckig machen ja, aber sauber machen, igitigit… Fön und Staubsauger, deine Erzfeinde.

Die Postfrau war deine Lebensaufgabe. Wie schnell die Uniformierten rennen konnten, wenn du mit 40 Kilo Lebendgewicht um die Ecke geschossen bist…Und wenn se dann weg war, zweimal mit den Hufen gescharrt, Schwanz triumphierend in die Höhe und ab zur Siesta. Das Tagwerk war vollbracht. So ’n Hundeleben kann schön sein…

Dann wurden die Runden kleiner, dein Gang gemächlicher.

Berge wurde nun zur Qual. Erst waren ’s nur noch 5 km, dann 2, dann bloß noch 500 m, zum Schluss nur noch der Lindenhof vorm Haus.

Pfingstmontag, 11.56 Uhr, vier Minuten vor zwölf, warst du erlöst.

Wir sind einen langen Weg zusammen gegangen…

Mach ’s gut Dicker, halt mir nen Platz frei, ich werde dich hier vermissen…

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Eine Antwort zu Mach ’s gut, alter Freund

  1. Elke Ziegler schreibt:

    Ach, Uwe, ich musste erst einmal die Tränen abwischen, ehe ich schreiben konnte. Deine Homage an Charlie kommt aus tiefstem Herzen und ich kann deinen Kummer um ihn so gut verstehen. Sollten mein Joschi und meine Emely einmal von uns gehen – ich darf gar nicht daran denken.
    Liebe Grüße
    deine Handball-Sitznachbarin Elke

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